Lauten - Fragen und Antworten

MongoMan
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Lauten - Fragen und Antworten

Beitrag von MongoMan » Fr 24.Mär 2006, 16:45

in meiner naiven Vorstellung liegen Konzertgit. und Laute nicht so weit auseinander.
Darum hier "Lauten - Fragen und Antworten"

Also, wo fang ich an?

Soweit ich das jetzt verstanden habe gab es "damals" mehr als 20 gängige Stimmungen.
Allerdings hätten sich zwei standartisiert.
Welche ist denn die heute gebräucklichere?
Und was hat es mit der verschiedenen Saitenzahl auf sich?
Gibt es da kein' Standart?

Desweiteren gibt es ja mittlerweile eine sog. "Neue Laute", in Gitarristenfreundlicher Stimmung. Aber ist das im Prinzig nicht einfach eine mehrsaitige Klassikgit.?

Bißchen schwammige Fragen, aber ich möchte mal hinter das Thema Laute einsteigen.

cornwallfan
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Beitrag von cornwallfan » Fr 24.Mär 2006, 17:23

Hallo MongoMan,

da empfehle ich doch als Einstieg mal die Seite von unserem
Forumskollegen, dem Lautenisten: http://cms.tslaute.de/ , denn die ist
ollgepackt mit jeder Menge Infos, Bilder, Hörbeispielen, etc. 8)

....und dann würde es mich auch nicht wundern, wenn du vom Lautenisten gelegentlich noch weitere Infos kriegst :D
Viele Grüße aus Haan,
Andreas

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Gitarren: Yamaha GC-31 C u. Ariana 6512

lautenist
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Re: Lauten - Fragen und Antworten

Beitrag von lautenist » Fr 24.Mär 2006, 17:38

Hi MongoMan,

auf schwammige Fragen gibt's auch solche Antworten :-) 8)

Die alten Stimmanweisungen lassen keine eindeutigen Schlüsse zu. Da stehen dann Sachen drin wie "und ziehe die Chantarelle so hoch, dass sie grade noch nicht reisst" (in der Renaissance), aber anhand der Groesse der erhaltenen Instrumente und erhaltener Orgeln und Flöten kann man ungefähre Stimmtöne und Stimmungen ableiten (Renaissance a= 440 bis 460, im Barock in Dresden a=415, früher Frz. Barock, a = 392 hz).
Gängig in deutschland waren zunächst die Lauten in A (von hoch nach tief a - e - h - g - d - A (- G/F), in Italien und England eher in der grundstimmung G. Darüberhinaus gab es auch noch Basslauten in der Grundstimmung D und Sopranlauten in C.
Im barock hat sich dann irgendwann eine Barocke stimmung durchgesetzt von f-d-a-f-d-a-g-f-e-d-C-H-A für eine 13-chörige Laute. Theorben waren eher in alter stimmung (Vielle tone = renaissancestimmung) in A, aber mit den höchsten 2 Chören eine Oktave tiefer, was bei Arpeggien einen heissen Effekt gibt.
Das Archiliuto war in G und ebenfalls Renaissancestimmung, nur mit mehr Strippen. In Italien hat sich die alte Stimmung generell bis zum Ende der lautenzeit gehalten.

Die zu wählende Stimmung wird Dir also durch das Instrument vorgegeben.

Saitenzahlen hängen von der periode ab und dem Instrumententyp. Mittelalterlauten sind 5 chörig (5 Doppelsaiten), renaissancelauten können eine stark unterschiedliche Anzahl Chöre haben. Da kommt es drauf an, was Du spielen willst ...
barocklauten sind üblicherweise 11- oder 13-chörig, aber es gibt auch eine 12-chörige Variante.

Die "Neue Laute" ist keine Laute im Sinne der historischen Musik sondern eine Neuentwicklung, ein Ansatz, der sich schon um die Jahrhundertwende mit den Wandervogellauten nicht durchsetzen konnte. Bei Cembali etc. ist dieser Ansatz auch aktuell gewesen und solche Monster gibt es noch, aber glücklicherweise ist die Entwicklung weitergegangen.

Ich hoffe für den Anfang etwas geholfen zu haben nd nicht neue Verwirrung gestiftet zu haben :-)

Der Lautenist

MongoMan
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Beitrag von MongoMan » Fr 24.Mär 2006, 22:22

Also, die alte Stimmung seint ja gitarristen freundlicher zu sein, als die Barocke.
Aber warum die Weiterentwicklung / Umstellung? Mit welchem Typ kann man mehr machen?

Von der Neuen Laute scheinst du ja nicht soviel zu halten. Kannst du darauf nochmal eingehen? Ich hab das nicht so ganz begriffen.

merci

lautenist
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Beitrag von lautenist » Sa 25.Mär 2006, 0:22

Hallo,

der Wechsel von der Renaissance- zur Barockstimmung vollzog sich ja auch über viele Jahre und es wurde in dieser Zeit viel mit Stimmungen experimentiert. Es gab Unmengen an Zwischenstimmungen (accords noveaux oder wie immer sich das schreibt).
Warum eine neue Stimmung? Die Musik hatte sich entwickelt und es gab einen neuen Geschmack, dem man auch mit den Instrumenten entsprechen wollte. Andere Instrumente haben sich auch im Barock verändert: Die Blockflöte, die Gambe, die Geige und viele andere Instrumente haben sich (erfolgreich) dem veränderten Geschmack angepasst.
Für die Laute ging es vor allem darum, Komplexität zu reduzieren und die inzwischen kaum mehr spielbaren Sachen dirch technische Anpassungen wieder spielbar zu machen. Das ging vor allem über Reduktion. Damit das trotzdem klingt haben sie "open tunings" bewehrt.

Zum Repertoire lässt sich sagen, dass es für jeden Lautentyp mehr Literatur gibt als man in einem Leben spielen kann. Und vieles ist noch gar nicht entdeckt und sehr viel auch verloren gegangen (von Dowlands "First Book of Songs" wurden über 10000 Exemplare gedruckt, von denen etwa ein Dutzend erhalten geblieben sind. Rechne das mal hoch bzw. runter - dann hast Du eine riesige Menge Material, das verschollen sein muss).

Für einen Gitarristen ist die alte Lautenstimmung sicher etwas leichter, aber dafür ist die alte Lautentechnik sehr weit entfernt: Doppelsaiten, niedrige Saitenspannung, "Schwer-Leicht" ... aber das hat Segovia und Konsorten nicht abgehalten, diese Musik zu übertragen: Anspruchsvolle Musik, die der Gitarre Geschichte geben.
Mein Hauptinstrument ist die Barocklaute, aber zum Begleiten benutze ich hauptsächlich das Archiliuto bzw. für Dowlandlieder die Renaissancelaute und Sololiteratur der Renaissance natürlich auch jeweils auf dem angemessenen Instrument. Eine Idee der Alten Musik-Bewegung ist, die Alte Musik auf dem jeweils "passenden" Instrument zu spielen (da muss man allerdings manchmal praktische Kompromisse eingehen, allerdings Dowland auf Barocklaute oder sowas gibt's nicht - da gehe ich jetzt besser nicht näher zu ein, weil das geht zu weit).

"Womit man mehr machen kann" kann ich also nicht beantworten. Vielleicht der Hinweis, dass Walter Gerwig ("Papa" der modernen Lautenisten) alles auf einer 10-chörigen Renaissancelaute spielte. Würde heute niemand mehr machen, aber es sei einfach mal erwähnt :-))

Ja, Du hast recht: Ich bin von den Neuentwicklungen nicht so überzeugt. Die neuen bzw. neuentwickelten Lautentypen versuchen, die historische Laute "weiterzuentwickeln". Dabei ist die Laute trotz vieler Liebesbekundungen von vielen Seiten wohl vor allem deshalb untergegangen, dass sie so perfektioniert war, dass sie dem klassisch-romantischen Ideal einfach nicht anpassbar war, ohne sie komplett zu pervertieren.

An wen wenden sich also diese neuen Lautentypen?
Die Wandervogellaute hatte ihr Klientel im Bereich eben der Wandervögel . Das "Liuto Forte" versucht, Lautenisten und Gitarristen anzusprechen, weil man die Literatur darauf spielen kann (inklusive aller Bässe), aber Alte Musik ist das nicht mehr und der grundtönige Sound widerspricht dem Klangideal so ziemlich jeden Lauteninstruments. Ich muss allerdings zugeben: Das Liuto Forte ist handwerklich sauber gebaut und klingt sehr schön.

Ich hoffe, das hilft Dir weiter
Der lautenist