Misteriöses Zeichen in Sanz Partitur

Musiktheorie, Notenkunde ... Sachkunde für Amateurgitarristen
jahro
Beiträge: 542
Registriert: Do 01.Dez 2005, 13:05

Misteriöses Zeichen in Sanz Partitur

Beitrag von jahro » Fr 24.Feb 2006, 11:51

Hallo Zusammen,

heute habe ich auch mal eine Frage an unsere Experten.

Und zwar geht es um ein Stück aus unserem Notenarchiv.

Stufe 3 Gaspar Sanz - Paradetas

Ich habe einen Auszug der Partitur hier als Bilddatei, damit man
die betreffende Stelle sieht.
Was soll dieses Doppel-X bedeuten ?

Ist es ein Doppelkreuz ?

Also bis dann

Viele Grüsse
jahro

lautenist
Beiträge: 252
Registriert: Mo 14.Nov 2005, 17:39
Wohnort: CH-Aadorf

Re: Misteriöses Zeichen in Sanz Partitur

Beitrag von lautenist » Fr 24.Feb 2006, 12:05

Hallo Jahro,

im Barock bezeichnet dieses Zeichen üblicherweise ein Vibrato (was im Barock eine Verzierung war, in der Renaissance bedeutet dieses Zeichen wieder etwas anderes - manchmal ist die Bedeutung auch von Quelle zu Quelle unterschiedlich).

Ich muss nochmal bei Sanz selbst nachlesen. Es kann sein, dass er eine abweichende Interpretation des Zeichens verlangt (zum Beispiel ein "Flattement" oder einen "Pointe du Voix"). Mit einem Vibrato liegst Du aber sicher ganz gut.

Barocke Verzierungen sind etwas eigenes und erlauben dem Interpreten sehr grosse Freiheiten in der Ausführung. Diese hypergenauen Anweisungen kamen ja bekannterweise erst in der späteren Romantik. Davor wurde vom Interpreten eben genau das verlangt: Den Notentext zu interpretieren!
Und grade diese kurzen Stückelchen am Anfang von Sanz' Buch dienen eher als Beispiele und Vorlagen, mit und aus denen Du erst ein eigenes Stück formen sollst.
Wie man da rangehen könnte führt Hoppy Smith auf seiner Einspielung von Sanz vor. Auch Rolf Lislevands CD ist in diesem Zusammenhang zu empfehlen.

Ich hoffe, das hilft.
Es grüsst der Lautenist

jahro
Beiträge: 542
Registriert: Do 01.Dez 2005, 13:05

Beitrag von jahro » Fr 24.Feb 2006, 12:09

Hallo Lautenist,

Du unerschöpflicher Quelle des Gitarren-/Lautenwissens.
Genau an Dich habe ich gedacht, als ich dieses Zeichen sah.

Das hilft mir natürlich sehr.

Vielen Dank für deine ausfürliche Beschreibung.

Da hab ich wieder eine Menge gelernt.
Und andere können es vielleicht auch gebrauchen.

Viele Dank und viele Grüsse in die Schweiz
jahro

Steffen
Beiträge: 81
Registriert: Fr 22.Jul 2005, 10:35
Wohnort: Heilbronn

Beitrag von Steffen » Fr 24.Feb 2006, 16:50

Hallo Lautenist,
an dieser Stelle fällt mir gerade eine Frage ein. Was wurden eigentlich in der Zeit von Sanz usw. in Spanien so Instrumente gespielt? Waren das Lauten so wie Du sie spielst und auf Deinen Bildern zu sehen sind, oder "Barockgitarren", Vihuela oder ähnliches.

Ich war mal auf einem Lautenkonzert (Laute + Gesang), bei dem als Solo Stücke von Navarez und Muderra (glaube ich) auf der "Barockgitarre" gespielt wurde und war begeistert. Wurde die Musik für diese Instrumente komponiert?

Gruß,

Steffen

lautenist
Beiträge: 252
Registriert: Mo 14.Nov 2005, 17:39
Wohnort: CH-Aadorf

Beitrag von lautenist » Fr 24.Feb 2006, 17:44

Hallo Steffen,

Sanz spielte eine Barockgitarre. Die Teile hatten 5 Chöre, also Doppelsaiten und als Besonderheit war die A-Seite meistens eine Oktave höher gestimmt als heute (es gab auch die A-Saite als tatsächlich tiefste Saite, eine Besonderheit, auf die Sanz eingeht und in seinen Stücken zu berücksichtigen versucht). Die Instrumente waren schön und reichlich verziert. So ein paar Bilder finden sich auf meiner Seite http://www.lautenist.de/gitarre/biedermeiergitarre.htm.
Die Barockgitarre hatte eine Zeit sehr grosser Popularität in Spanien, Italien und Frankreich bis in das 18.Jahrhundert hinein mit Komponisten wie Sanz, Corbetta, Murcia, Roncalli und vielen weiteren.

Mudarra, Milan, Pisador, Narvaez, Valderabano etc. waren Vihuelameister und komponierten in der Renaissance. Alle 7 Drucke mit Musik für Vihuela entstanden in der recht kurzen Zeit von 1536 (Milan) bis 1576. Dieses Instrument ist etwas mysteriös und es gibt sogar Stimmen, die behaupten, es hätte diesen Instrumententyp gar nicht gegeben, da die Form doch sehr nach (für damalige Verhältnisse) überdimensionierter Gitarre ausschaut. Allerdings gibt es eben diese eigenständige Literatur und eine eigenständige Technik, so dass ich denke, die Existenz des Instruments lässt sich daraus ableiten, auch wenn kein gesichertes und unumstrittenes Exemplar überlebt hat (auch da gibt es zu nahezu jedem Kandidaten Streit).
Die Literatur für die Vihuela ist sehr hochwertig und besteht aus Intavolierungen (also Vertonungen) von Liedern bis hin zu ganzen Messen, die auf die Vihuela gesetzt wurden und vergleichsweise wenig Tanzsätzen. Valderabano hat auch einige Duette für unterschiedlich gestimmte Vihuelen geschrieben und wohl in jedem Druck finden sich Lieder (also Gesang und Vihuela).

Ich spiele übrigens auch Vihuela. In meinem Programm "Musica antigua mediterranea" ist ein grosser Teil der Musik auf der Vihuela (und eine Hälfte auf dem - italienischen - Liuto attiorbato.

Auf der Suche nach anspruchsvollem Material für die klassische Gitarre entdeckte Segovia wohl als erster das Repertoire für Vihuela für die Gitarre und es gibt eine grosse Anzahl von mehr oder weniger gelungenen Transkriptionen. Bei Gelegenheit kann ich mal Auszüge aus meinem Programm spielen, die einige dieser "hits" auf dem Originalinstrument präsentiert (zum Beispiel den "Canzion del Emparador" oder "Guardame las vacas").

Ich hoffe, das hilft Dir weiter
Euer Lautenist