Transkriptionen

Musiktheorie, Notenkunde ... Sachkunde für Amateurgitarristen
Tobias
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Beitrag von Tobias » So 29.Jan 2006, 19:47

Hallo j.list,

die Brandenburgischen Konzerte sind ein ganz gutes Beispiel. Ich hatte diese mal mit 4 Gitarren gehört, und es war ein - wie du schreibst bloßes Gedudel. Orchesterwerke, die einen monströses Klangvolumen brauchen, wie will man solche auf Gitarre umsetzen. Vielleicht durch einen Gitarrenchor?!
Ich denke, man kann alles versuchen auf eine Gitarre oder mehrere umzuschreiben. Es klappt auch bei Orchesterwerken, wie man beim Dreispitz von Manuel de Falla weiß.
Nur, was die Gitarre nicht kann, ist, den Ton länger in der gleichen Lautstärke zu halten. Deswegen finde ich dann Transkriptionen wie z. B. das Air von Bach aus der Suite Nr. 3 in D, bei der die Leitmelodie im Adagio mit einer ganzen Note anfängt, überflüssig.

Ich wußte gar nicht, daß die Bilder einer Ausstellung zuerst für ein Soloinstrument komponiert wurden. Für welches denn? Klavier?
Gruß Tobias
Gitarre: Paulino Bernabe - Estudio E-6
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zorolowski
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Beitrag von zorolowski » Mo 30.Jan 2006, 8:44

Tobias hat geschrieben:Ich wußte gar nicht, daß die Bilder einer Ausstellung zuerst für ein Soloinstrument komponiert wurden. Für welches denn? Klavier?
Bilder einer Ausstellung ist ursprünglich von Mussorgski für Klavier komponiert worden. Die Orchesterversion ist von Maurice Ravel. Wobei ich sagen muß, dass mir die Klavierversion Lichtjahre besser gefällt, als die Orchesterversion. Der gute Ravel hat mir das ein bischen zu pompös gemacht.

Gruß
Zorolowski

lautenist
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Beitrag von lautenist » Mo 30.Jan 2006, 10:40

dabei finde ich die Bearbeitungen der "Bilder einer Ausstellung" noch ganz gut gelungen: Ob von Ravel, von ELP oder auch von Tomita (für Synthesizer). Jede dieser Bearbeitungen hat dem Werk neue Bedeutungsebenen hinzugefügt, die schon in dem Werk angelegt sind - mir kam es nicht "vergewaltigt" vor.
Für meinen Geschmack kann man hier von gelungenen Bearbeitungen reden. Ist auch insofern "leichter", so etwas zu bearbeiten, weil die ganze Orchestrierung hinzugefügt wurde.
Schwierig sind dann aber Sachen, die reduziert werden müssen - das ist extrem heikel: Wie soll die Essenz eines Stückes herausgearbeitet werden. Das ist zum beispiel beim Asturias ganz gut gelungen, glaube ich. Bei anderen Sachen weniger (zum Bleistift die Chopin-Bearbeitungen von Tarrega halte ich schon für fragwürdig).

Meint der Lautenist

zorolowski
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Beitrag von zorolowski » Mo 30.Jan 2006, 18:12

Lautenist hat geschrieben:dabei finde ich die Bearbeitungen der "Bilder einer Ausstellung" noch ganz gut gelungen: Ob von Ravel, von ELP oder auch von Tomita (für Synthesizer). Jede dieser Bearbeitungen hat dem Werk neue Bedeutungsebenen hinzugefügt, die schon in dem Werk angelegt sind - mir kam es nicht "vergewaltigt" vor.
Für meinen Geschmack kann man hier von gelungenen Bearbeitungen reden. Ist auch insofern "leichter", so etwas zu bearbeiten, weil die ganze Orchestrierung hinzugefügt wurde.
Klar ist das 'Aufrüsten' eines Stückes einfacher, weil man da nichts wegfallen lassen muß. Allerdings kann man leicht in das 'zuviel des Guten' hinein geraten. Ich hab Händels Feuerwerksmusik mal in einer Einspielung eines 200-Mann-Orchesters gehört. Ich glaub das war eine Aufnahme von Stokowski aus den 70gern. Das muß nicht sein.
Aber da ist man halt wieder bei dem persönlichen Geschmack - was ist wirklich gut und was paßt nicht mehr.

Gruß
Zorolowski

lautenist
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Beitrag von lautenist » Mo 30.Jan 2006, 18:23

sicher - das ist ja das, was ich die ganze Zeit über sage. das meiste ist Geschmacksache, aber komischerweise sind wir uns alle (naja - die schweigende Mehrheit mal ignorierend) einig, dass es eben auch miese Bearbeitungen gibt und da sind wir uns auch ziemlich einig, worauf wir zeigen können.
Mir fehlt jetzt noch, das ganze irgendwie in einen Begriff zu packen. Was macht es schlecht, die Brandenburgischen Konzerte mit 4 Gitarren aufzuführen? Und was das Asturias gut?
j.list hat's, glaube ich ganz gut formuliert, aber woher wissen wir nun, dass etwas verlorengeht? Woher wissen wir, was die Essenz des Stückes ist?

fragt sich der in philosophierlaune seiende ("was ist das sein?":idea: :?: ) Lautenist

Christopher
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Beitrag von Christopher » Mo 20.Feb 2006, 9:58

Ich denke, ob eine Transkription gut klingt, oder nicht, ist in gewisser Weise Glückssache. Wer eine Transkription machen will, muss sich eben vorher sehr genau überlegen, ob der Charakter des Instrumensts, für das ursprünglich komponiert wurde, mit dem des "neuen" Instruments kompatibel ist.
Transkriptionen von Klavier auf Gitarre halte ich für prinzipiell möglich, da beiden Instrumenten in vergleichbarem Maße die Möglichkeit fehlt, Töne wirklich lange zu halten (und vor allem WÄHREND einem Ton die Dynamik zu variieren!).
Im Gegensatz dazu halte ich Transkriptionen für Gitarre von Werken mit Streichern für schlicht verfehlt. Streicher haben durch ihre spezielle Technik eine in kaum einem anderen Instrument gegebene Fähigkeit, Spannungsbögen zu erzeugen. Wenn ein Komponist davon Gebrauch macht, kann jede Gitarrentranskription nichts mehr mit dem Original zu tun haben.

simon82
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Beitrag von simon82 » Di 21.Feb 2006, 2:58

Ich war vor kurzem auf einer japanischen Internetseite, da gab es unter anderem Noten von "Contrapunctus I " aus Kunst der Fuge für Gitarre Solo (!!!!)
Das lass ich mal unkommentiert.

Abseits der Diskussion von Richtig und Falsch von transkriptionen wollt ich mal auf die schönheit von Cembalowerken (allen voran Bach, aber auch Scarlatti oder Buxtehude....) für Gitarre hinweisen.
Ich finde es sehr inspirierend beim Gitarrespielen an den Klang eines Cembalos zu denken, genau wie Albeniz beim Klavierspielen die Gitarre im Hinterkopf hatte.
Und die Gitarrenliteratur hat nun mal nicht die Beispiele intellektuell tiefgründigster Musik, da ist man froh´, wenn man sich anderswo mal was ausborgen kann, sei es ob man ein Stückchen aus dem Wohltemperierten Klavier aus dem Zusammenhang reisst oder sich an Bachs Sonaten für Cembalo und Flöte vergeht .
Gibts nicht geht nicht

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Transkriptionen f. Gitarre

Beitrag von Nitsuga70 » Do 23.Feb 2006, 3:22

Heutzutage wird viel zuviel Wert auf Originalität gesetzt. Was ist so schlimm daran, Transkriptionen auf Gitarre zu spielen, solange sie gut klingen und noch aussagekräftig sind? Bleibt einzig die Frage, ob es sich noch um ein Werk von z.B. Bach handelt oder es sich um eine eigenständige Komposition handelt m. Bach als Vorlage.

Wie schon erwähnt, eignen sich langsame Werke f. Instrumente, die einen Ton über längere Zeit m. gleicher Intensität halten können (wie z. B. Violine, Flöte u.a.) für die Gitarre i. d. R. nicht so gut ( evt. lässt sich das eine od. andere m. einem Tremolo-Anschlag interpretieren).

Recht gut gelungen finde ich u.a. die Bearbeitungen einiger Scarlatti-Sonaten sowie die ersten 3 Cellosuites v. Bach (mit Ausnahme der Sarabandes - dafür klingt die Gitarre nicht lange genug).

Mussorgskijs Bilder einer Ausstellung kann ich mir allerdings nun wirklich nicht auf einer Gitarre gespielt vorstellen (außer vielleicht noch das alte Schloss), auch wenn ich schon Bearbeitungen entdeckt habe.

Was die "tote Zeit" der Gitarre anbelangt, so müsste man (wenn überhaupt) die heutige Computer-Zeit so benennen. Die meisten Menschen haben keine Ahnung davon, dass man klassische Werke auch auf der Gitarre spielen. Viele betrachten sie nur als Akkordinstrument, auf den man vielleicht noch den einen od. anderen Blues spielen kann. Außerdem habe ich (abgesehen natürlich von d. Zeit am Konservatorium) im Laufe meines Lebens nur sehr wenige Klassikgitarristen getroffen, Pianisten oder Violinisten dagegen en masse ( auch die Kinder einiger Freunde lernen, wenn überhaupt, entweder Klavier oder Geige) .

Das mag aber auch daran liegen, dass die Mehrheit nicht bereit ist (und es auch nicht für nötig hält), einen größeren Betrag für eine bessere Gitarre auszugeben, so dass sie den Klang einer guten Gitarre gar nicht kennen kann. In vielen Haushalten steht nur eine alte Sperrholzgitarre, auf der vielleicht ab und zu mal ein bisschen "geklampft" wird.
Es wird also Zeit, dass mehr (besonders jüngere) Menschen von den Möglichkeiten der Gitarre erfahren, damit sie einen Antrieb haben, diese spielen zu lernen. Vielleicht können wir ja einen Teil dazu beitragen?

Mit besten Grüßen aus Hamburg

Frank B.

jahro
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Beitrag von jahro » Do 23.Feb 2006, 9:59

Hallo Frank,

ich habe Deinen Beitrag mit grossem Interesse gelesen.
Du bist zwar ein bisschen vom Thema Transkriptionen abgekommen,
aber das nur nebenbei.
Nitsuga70 hat geschrieben: ...vielleicht noch das alte Schloss
Mir gefällt die Version von Segovia eigendlich ganz gut, wobei ich andere Interpretation von ihm deutlich mehr schätze.

Das Thema wer hört zu hatten wir schon einmal aufgegriffen.
Denn wer zuhört, der kann auch Interesse entwickeln.

Das mit dem guten Instrument kann ich nur bestätigen.
Wobei es beim Erstkontakt (gerade bei Kinder) zweitrangig ist, ob das Instrument nun teuer ist, oder eine Sperrholzklampfe (ich meine nicht den Unterricht !!).

Gerade, wenn Kinder auf solch einer Billigklampfe ein bisscchen rumklimpern dürfen (auf einer Hauser dürften sie das ja nicht ;-)),
können Sie da schon tolle Erfahrungen sammeln.
Bei mir war das so, als mir mein Onkel seine Adams in die Hand gedrückt hatte (ist schon über 30 Jahre her).

Da war für mich klar, dass ich so ein Instrument auch mal spielen will.

Für den Unterricht bzw. das Erlernen des Instrumentes, sehe ich es aber wie Du.
Da ist die Sperrholz (eBay)-Klampfe eine ganz schlechte Sache.

Viele Grüsse
jahro

Nitsuga70
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Beitrag von Nitsuga70 » Mo 27.Feb 2006, 2:07

Hallo, Jahro!

Was den Erstkontakt v. kleinen Kindern m. d. Gitarre betrifft, hast Du natürlich recht. Dennoch wäre es sinnvoll den Kindern zu zeigen, dass eine Gitarre auch besser klingen kann und was man alles damit machen kann.

Hatte mal vor einiger Zeit ein kurzes Stück dem Sohn einer guten Freundin, der seit einigen Jahren Klavierstunden nimmt, auf einer alten Sperrholz(Tchibo-)Gitarre vorgespielt. Die Reaktion war: Da hört sich mein Klavier ja tausendmal besser an. Ein paar Monate später habe ich ihm u. seinem Freund dann dasselbe Stück auf meiner Ramirez vorgespielt.
Die Reaktion war eine ganz andere. Beide haben sehr interessiert zugehört und hätten am liebsten das Stück gleich nachgespielt.
Vielleicht kann ich seinen Freund evt. sogar in einiger Zeit zu meinen Schülern zählen (wenn sich die Eltern irgenwann mal dafür entscheiden können).

Jetzt bin ich völlig vom eigentlichen Thema "Transkriptionen" abgekommen. Evt. schreibe ich ein anderes Mal noch etwas darüber.
:wink:

Gruß

Frank B.

jahro
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Beitrag von jahro » Di 28.Feb 2006, 9:13

Hallo Frank,

bei dem Erstkontakt meinte ich auch eher Kleinkinder,
welche nur auf der Gitarre versuchen ein paar Töne/Klänge
zu produzieren.

Klar, wenn Du auf einer schlechten Gitarre was vorspielst,
klingt es für einen, der ein Gehör dafür bereits entwickelt hat
nicht sonderlich.

Ich bin auch absolut dafür, das Schüler das bestmögliste Instrument spielen
sollten.

Das hat jetzt zwar alle nichts mehr mit transkriptionen zu tun.

Wollte ich dir aber auch noch mitteilen.

Für die Anderen.

In diesem Thread geht es um Transkriptionen für Gitarre
Bitte weiter oben lesen.

Viele Grüsse
jahro