Einstudieren eines Stückes

Musiktheorie, Notenkunde ... Sachkunde für Amateurgitarristen
coolman
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Einstudieren eines Stückes

Beitrag von coolman » Di 20.Dez 2005, 23:57

Hallo ihr Lieben!

Wie sicher schon alle wissen bin ich bisher reiner Auto4Takt ;-)

Deshalb würde mich sehr interessieren wie ihr Stücke einstudiert.

Bei mir ist es so, dass ich ein Stück zumeist einfach so oft spiele bis ich es sozusagen automatisch auswendig kann. Das hat aber den großen Nachteil, dass ich wärend des Einstudierens immer Noten brauche und mich daher nicht so auf meine Hände konzentrieren kann was zweifelsohne zu "Qualitätsverlusten" führt.

Ich bin mir sicher es gibt effizientere Methoden um etwas zu lernen!

Ist es besser das Stück vorher auswendig zu lernen, oder wie? :mouton:

Für sachdienliche Hinweise wäre ich sehr dankbar!

lg
coolman
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zorolowski
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Beitrag von zorolowski » Mi 21.Dez 2005, 0:19

Hi Coolman,

ohne Noten bin ich bei den meisten Stücken aufgeschmissen. Ich hab bei den meisten Stücken eigentlich nur die grifftechnisch schwierigen Passagen auswendig im Kopf.
Ich spiel vor allem die komplizierten Passagen eines Stückes in der Anfangsphase oft und langsam durch.
Naja, ansonsten hab ich meist kein Konzept, geschweige denn einen Plan. Ich spiel das halt so oft durch, bis ich es kann. :mouton:

Gruß
Zorolowski

Gustaw
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Beitrag von Gustaw » Mi 21.Dez 2005, 0:35

Hallo coolman,

für klassische Stücke: ich brauche erstmal die Noten. Dann wird ein unfallfreier Fingersatz gesucht. Das kann je Takt schon mal ewig dauern. Schließlich werden aus den Buchstaben (Noten) Wörter (Sequenzen) und dann Sätze (Sätze). Wenn das ganze Stück dann auswendig sitzt, beginnt dann die wirkliche Arbeit, den richtigen Ausdruck zu finden. Hilfe dazu sind natürlich CD's, mein Meister, meine Duo-Partnerin oder eigene Vorlieben. Letztendlich muss es 'mein' Stück sein.

Das ganze dauert unterschiedlich lange, z.B. 4 Wochen (Albeniz' Mallorca) bis 6 Monate (Tárregas Capricho Arabe), wieso manche Stücke lange dauern, andre nicht, kann ich auch nicht sagen. In jedem Fall muss alles auswendig gespielt werden können, und ich merke zB. bei Bach hier große Probleme auch bei kurzen Stücken, nicht so bei den spanischen Romantikern (das liegt mir am meisten).

Ah ja, noch eins, von Zeit zu Zeit muss man die auswendig geglaubten Stücke nochmals revidieren, also vom Blatt nachspielen, man glaubt ja nicht, welche abartigen Fehler die Finger machen ...

Gustaw

Schnecke
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Beitrag von Schnecke » Mi 21.Dez 2005, 12:53

Hallo allerseits,

Zu allererst mal brauche ich eine Klangvorstellung von dem Stück.
Danach und natürlich auch nach der Spielbarkeit richte ich dann die Fingersätze aus. So versuche ich z.B. Töne, die auf jeden Fall ein Vibrato brauchen, nicht gerade mit leeren Saiten zu spielen, Akkordbrechungen auf benachbarte Saiten zu legen und Läufe möglichst linear zu gestalten. Außerdem notiere ich jetzt schon einige musikalische Ideen, wo ich zB. ein Crecendo mache, tasto spiele oder so.

Dann teile ich mir das Stück in Abschnitte ein, auch wieder mit musikalischem Hintergrund, d.h. ich berücksichtige Phrasen und Kadenzen.

Diese Abschnitte spiele ich erst ganz langsam, so dass ich möglichst wenig Fehler mache. Dabei präge ich mir sofort die Noten ein und versuche so bald wie möglich von den Noten gelöst zu spielen, damit ich mich auf meine Hände konzentrieren kann. Die Noten bleiben aber vorerst wichtige Arbeitsgrundlage.

Wenn der erste Abschnitt gut klappt, nehme ich mir den nächsten vor. Die Schnittstelle von Abschnitt 1 zu 2 übe ich aber gleich mit, dass die Zusammenhänge klar bleiben.
Wenn ich dann mit dem letzten Abschnitt fertig bin, spiele ich das Stück komplett durch, wobei ich es mir immer noch erlaube, in die Noten zu spinksen. Stellen, die nicht gut klappen, nehme ich mir nochmals gesondert vor. So nach und nach versuche ich es dann immer mehr ohne Noten. Das Tempo steigere ich nicht forciert, sondern lasse es kommen, da sich sonst zu viele Unsauberkeiten einschleichen.

Die Sicherheit beim Spielen kommt ja auch erst so nach und nach. Es muss sich erst mal setzen.

Eigentlich kann ich sagen, ein Stück geht erst in mich hinein, wird dort mit meinen musikalischen Fermenten durchsetzt und dann kommt es aus mir heraus, wie ich es eben interpretiere! :wink:

cornwallfan
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Beitrag von cornwallfan » Do 22.Dez 2005, 1:58

zorolowski hat geschrieben: Ich spiel das halt so oft durch, bis ich es kann.
So würde ich meine Vorgehensweise auch beschreiben, allerdings bei mir mit dem negativen Effekt, dass ich kein einziges Stück auswendig kann (außer Tarrega´s Estudio en mi minor, - die ist ja auch äußerst kurz), und immer in die Noten gucken muß. Beim Thema Interpretation bin ich daher noch garnicht richtig angekommen, da ich ja immer lesen muß.....

Ich bin aber jetzt, nach einem halben Jahr regelmäßigem Training wieder so weit, dass ich mich beim Einstudieren eines Stückes eher nach den von Gustaw und Schnecke (DANKE, Ihr Beiden :D ) trefflich beschriebenen Konzepten richten werde.
Viele Grüße aus Haan,
Andreas

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Gitarren: Yamaha GC-31 C u. Ariana 6512

jahro
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Beitrag von jahro » Do 22.Dez 2005, 13:42

Hallo Zusammen,

bei mir gibt es (ich habe leider noch keinen passenden Lehrer gefunden)
im Moment noch kein so richtiges Konzept,
wie ich an die Stücke herangehe.

Ich versuche auf alle Fälle die Stücke langsam durchzuspielen.
Stosse ich dann auf Prolemstellen, so werden die seperat erarbeitet.

Der Ansatz von @schnecke gefällt mir sehr gut (äähh was heisst den tasto??).
Das werd ich beim nächsten Stück gleich mal ausprobieren (ich darf doch, oder ?? :wink: ).

Was ich längerfristig auch testen möchte, ist das Aufnehmen meiner Übungssitzungen.
Damit kann ich mir später in Ruhe nochmals die gespielten Stücke anhören.

Leider konnte ich nicht so viel zu diesem Thema betragen (aber ich habe vom Thread partizipiert :D - Vielen Danke).

Der mit Spannung auf neue Erklärungen/Konzepte wartende

jahro
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CUENCA 60P
AMALIO BURGUET "LUNA El Mediterraneo"
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Schnecke
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Beitrag von Schnecke » Do 22.Dez 2005, 16:06

Lieber jahro

danke für die Blumen. :bye: Mit "tasto" meine ich genauer gesagt "sulla tastiera". Es ist eine Vortragsbezeichnung für Streicher und Gitarristen und heißt so viel wie "nahe am Griffbrett spielen. Dadurch ändert sich die Klankfarbe (klingt irgendwie weicher, hohler, topfiger).
Das Gegenteil wäre "sulla poticello", also nahe am Steg spielen, was einen wesentlich härteren, recht klaren Ton ergibt.

Was ich noch anfügen möchte: wenn man ein Stück spielen möchte, von dem man nur Noten und überhaupt keine Vorstellung davon hat, wie es denn überhaupt klingen soll, kann man mit meiner oben beschriebenen Methode nicht arbeiten, denn woher soll ich die Klangvorstellung denn haben?! :?: :roll:
Dann ist es schon etwas schwieriger. Aber auch dann lohnt es sich, sich erst mal das ganze Stück anzusehen: wie es strukturiert ist, Takt- oder Tonartwechsel u. dergl.. Melodien und Harmonien - Kadenzen. Naja, und dann rein ins Vergnügen: also so gut wie möglich vom Blatt spielen und herausfinden, was der Geist dieses Stückes ist. Dann erst feste Fingersätze machen.

Fingersätze kann man zwar auch immer noch mal ändern, wenn`s sein muss, ist aber immer eine Stolperfalle, vor allem wenn der alte Fingersatz schon im Gehirn verankert war. :reflechir:

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    Beitrag von coolman » Do 22.Dez 2005, 20:30

    Liebe Freunde!

    Erst mal vielen Dank für die vielen wertvollen Tips :merci:
    Ich muß das erst aufarbeiten aber offensichtlich habe ich da seit langer Zeit die falsche Strategie verfolgt :-(

    Ein Bekannter von mir sagt immer: "Da müss' ma besser wer'n" ;-)

    Und entschuldigt bitte die verspätete Rückmeldung! Leider bin ich bis Heilig Abend noch im Stress, aber dann..... ;-)

    lg
    coolman
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    Beitrag von jahro » Fr 23.Dez 2005, 0:14

    Hallo schnecke,

    vielen Danke für die ausführliche Beschreibung.
    Diese Effekte waren mir zwar bekannt, aber jetzt kann ich sie
    auch (dank Dir) korrekt benennen.:roll:.

    vlg jahro

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    Beitrag von gothic3 » Fr 24.Mär 2006, 2:44

    hallo,

    Ich schaue mir erstmals das ganze Stück nur so an, und finde die Stellen die schwierig aussehen und kreise sie dann um. Wenn ich ein Lied von z.b. Barrios lerne, dann versuche ich immer höchstens zwei Notenlinien pro Tag zu lernen. Manchmal fange ich auch von hinten mit einem Stück an, so wie David Russell. Das hilft auch gut, denn das entfernte siehst du ja am Ende, man ist gewohnt immer vom Anfang anzufangen, deshalb findet man was nachher kommt schwieriger. Wenn man jedoch von hinten, also vom Ende des Stückes anfängt, freut man sich automatisch, dass man zum Anfang kommt.

    Gruss

    Max R.