Noten contra Tabulatur

Musiktheorie, Notenkunde ... Sachkunde für Amateurgitarristen
Bernhard
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Noten contra Tabulatur

Beitrag von Bernhard » So 08.Jan 2006, 1:00

Hallo,

mich würde mal interessieren, wer von euch auch mit TAB´s arbeitet.

Ich persönlich kann zwar Noten lesen, bin aber bei manchen Stücken, vor allem in den höheren Lagen, mit Tabulatur wesentlich sicherer und schneller beim Erarbeiten von Stücken.
Ich habe auch schon Stücke in Open Tungings einstudiert, da musste ja, wenn du nach Noten spielen willst, auf´m Griffbrett dauernd suchen, um die jeweilige Note zu finden.
Außerdem finde ich Software wie Tabledit oder Finale genial, da kannst man sich die Stücke schon anhören, bevor man auch nur eine Note gelesen hat.

Grüße

Bernhard

jahro
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Beitrag von jahro » So 08.Jan 2006, 10:00

Hallo Bernhard,


Eine kurze Antwort als langjähriger (jetzt ehemaliger) Tab-Spieler:

Spiele nur nach Noten (Standardstimmung)
Bei "komplizierten" Offenen Stimmungen (wie z.B. DADGAD spiele Zweigleisig Tab und Noten)

Jetzt die persönliche Begründung:

Ich kenne Deine Problemstellung nur zu gut aus eigener Erfahrung.
Ich selbst bin Autodidakt mit mehrjährigen Spielpausen.

Begonnen habe ich mit Tabulaturen.
Später habe ich mir das Notelesen mehr recht als schlecht beigebracht.
Wie gesagt das Notenlesen, aber nicht das lesen von Gitarrennoten (sprich Fingersätze usw.)

Ich habe dann meine Stücke immer nach Tabulatur
(auch "Open Tunings" oder wie der Klassiker sagt Scordatura)
gespielt.

Das reine Tabulaturlesen, hatte bei mir aber den dummen
Neben-Effekt, dass ich das Stück vorher hören musste.
Sonst hatte ich mit der Rhythmik Probleme.

Seit Anfang 2005 habe ich dann begonnen, relativ einfache Stücke
komplett nach Noten zu spielen. Nach und nach wurden dann die Stücke etwas
schwieriger.

Ich nahm Stücke, welche ich nicht kannte.
Nach und nach war dann das Notenlesen fast genauso komfortabel, wie
das Tabulaturlesen. Nur, dass ich jetzt auch die Rhythmik und
die korrekten Fingersätze (rechts wie links) lesen und spielen konnte.

Wenn du nur nach Tabulatur spielst, fehlen dir diese meistens (gerade bei Tabs von Programmen).

Natürlich sind Stücke, welche viele Lagenwechsel
beinhalten, schwieriger zu lesen.
Aber so beschäftigt man sich von Anfang an intensiv mit
dem Stück.

Mit der Zeit wird man das Stück dann sowieso
auswendig spielen.

Ich persönlich bin im Moment sehr froh, diesen am Anfang
etwas anstrengenden Weg gewählt zu haben.

Mit der Zeit macht das Notenlesen dann richtig Spass.

Also mein Tipp:

Nimm dir die Zeit und lerne es richtig.
Material(auch einfachere Noten/Stücke) findest Du genug im Forum.

Bin mal gespannt, wie die Diskussion weitergeht.

Viele Grüsse jahro
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zorolowski
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Beitrag von zorolowski » So 08.Jan 2006, 13:38

Hallo Bernhard,

ich habe bis vor kurzem ausschließlich nach Noten gespielt. Für mich ist die Notenschrift eine der genialsten Zeichensprachen, die es gibt. Du hast auf komprimierten Raum eine Fülle von Informationen: Tonhöhe, Tondauer (hier noch die Info, ob ein Ton weiterklingen soll, wenn andere Töne angschlagen werden), Legato, Staccato, ... . Die Fingersätze sind mir an der Stelle wurscht, da ich mir meine eigenen bastel.
Und Notensätze sind kompatibel zu anderen Instrumenten. Das ist beispielsweise bei den Violinstücken von Bach ganz praktisch. Da brauchst Du bei einigen Stücken keine Transkription, da die Originalpartitur direkt auf Gitarre umsetzbar ist.
Nun mußt Du auch bei klassischer Musik bei einigen Stücken die Gitarre umstimmen. Z. B. E auf D oder g auf fis. Das kann dann zugegebener schon mal verwirrend sein. Es geht mit etwas Übung aber auch. Wenn es wie bei Open Tunings mehrere Saiten sind, wird es zugegeben schon ziemlich kompliziert.
Da ich seit gestern stolzer Besitzer einer Laute bin, die vollkommen anders als eine Gitarre gestimmt ist, habe ich vor einigen Wochen angefangen, auf Gitarre nach Tabulatur zu spielen. Ich habe vor Gitarre nach Noten und Laute nach Tabulatur zu spielen. Ich quäle mich wahrscheinlich genau so mit der Tabulatur ab, wie andere sich Anfangs mit Noten quälen. Die Übung macht halt den Meister.
Tabulatur ist nicht schlecht. Die wesentlichen Informationen sind darin auch enthalten. Ein Nachteil der Tabulatur ist es, dass Du aus zwei Feldern die Information ziehen mußt. Du hast den Fingersatz und darüber die Notenwerte.
Insgesamt finde ich Noten flexibler. Du hast freie Wahl bei den Fingersätzen. Das ist für mich ein nicht unwesentlicher Vorteil, da nicht alle Menschen die gleiche Anatomie haben. Noten sind unabhängig vom Instrument. Und Du hast bei Noten mehr Infos auf kleinerem Raum.

Aber ansonsten würde ich auch keine Glaubensdiskussion daraus machen. Soll halt jeder so machen, wie er will. Wenn Lauten seit Jahrhunderten vor allem nach Tabulatur gespielt werden, muß das ja auch seinen Grund haben und kann nicht grundverkehrt sein.

Gruß
Zorolowski

jahro
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Beitrag von jahro » So 08.Jan 2006, 16:05

Hallo Zoro,

herzlichen Glückwunsch zu deiner Laute.
Da bin ich mqal gespannt, ob wir bald ein Dowland-Stück
auf deiner "Neuen" geniesen dürfen.

Deine Einstellung zur Notenschrift teile ich auch. Die Tabulatur wird
dir aber bestimmt keine grossen Probleme bereiten.

Also bis die Tage

jahro
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Gustaw
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Beitrag von Gustaw » So 08.Jan 2006, 16:38

Hallo Bernhard,

in einem früheren Thread - hier - habe ich schon mal Stellung zu den tabs bezogen, vielleicht hilft dir diese Information. Wie Zoro schon richtig erwähnt, sollte es jedoch keinen 'Glaubenskrieg' zwischen Noten- und Tabulaturschreibweise geben, solange man nicht an den vorgegebenen Fingersätzen klebt (auch nicht die bei der Notenschreibweise!)

Gustaw

Bernhard
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Beitrag von Bernhard » So 08.Jan 2006, 20:28

Hallo ,

erstmal Danke für eure Antworten.
Eine Frage hätt´ich noch an jahro:
Du hast Anfang 2005 angefangen, von Tab nach Noten umzudenken, wie hoch würdest du deine persönliche Stufe beim Gitarrespielen in Schwierigkeitsgrad oder Liedbeispielen einstufen?
Meiner Meinung nach ein wichtiger Punkt.

Ich habe mir vor einiger Zeit z.B. ein Notenheft mit der kompletten Fuge BWV 1001 zugelegt, eine Tanskription für Gitarre, da stand unter dem Notensatz auch noch die Original-Lautentabulatur. Der Fingersatz war auf dem Notenbild komplett angegeben, ich hab das auch zuerst ausprobiert, nur die Noten zu lesen. Irgendwann hat´s mir dann gereicht, und ich hab die ganze Partitur komplett in Tabulaturschrift nach Tabledit übertragen.
Das beste war: jetzt konnte ich mir das ganze anhören, war beim Einüben eine riesige Hilfe.


Grüße
Bernhard

jahro
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Beitrag von jahro » So 08.Jan 2006, 21:32

Hallo Bernhard,

das ist jetzt aber wirklich eine schwierige Frage.

Welchen Schwierigkeitsgrad hat z.B. Little Wíng von J. Hendrix ??
(Das kriege ich eigendlich ziemlich gut hin :wink: )

Spass beseite
Im Moment arbeite ich an folgenden Stücken

Bourree in E-Moll J.S. Bach (fast durch)
Lagrima - Tarrega (kannst du dir in der mp3-Sektion anhören.)
In a sorrow's awake - Andrew York (ca. 90 % fertig)

Ich hoffe das hilft dir etwas.

Was dies wiederum mit dem Notenlesen zu tun hat - Nun gut.

lg jahro
Zuletzt geändert von jahro am Mo 09.Jan 2006, 13:59, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitrag von Gustaw » So 08.Jan 2006, 21:34

Hallo Bernhard,

das Theme Noten-Lesen-Lernen vergleiche ich gerne mit dem Lesen-Lernen in der Grundschule. Dort lernen die Kids ja erst mal einige Buchstaben, dann Wörter, später Sätze und Absätze. Übertrage das auf das Notenlernen, und du siehst, mit der nachvollziehbaren Ungeduld, sofort BWV1001 nachzuspielen, bist du mit dem Notenlese-Lernvorhaben ins Hintertreffen geraten. Der große Unterschied zwischen Noten und Tab ist a. der Harmonie- und Zeitbezug beim Notenwerk und b. beim Einspielen gerade die Fingersatzlosigkeit purer Noten. Tab-Werke enthalten grundsätzlich Fehler, nicht weil die Autoren unfähig wären, sondern weil jeder Interpret seinen individuellen Fingersatz benötigt bzw. sich erarbeiten muss. Mit dem Bach-Stück ist das nicht zu schaffen, es ist zu komplex. Musik-Anfänger lernen Noten ja von klein auf, wie auch die Grundschüler, Buchstabe für Buchstabe.
Empfehlung: zieh dir BWV1001 so rein, wie deine Motivation es von dir verlangt. Gleichzeitig übe Noten, und zwar nach Art der Grundschüler, und lass dir Zeit dazu.

Gustaw

gothic3
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Beitrag von gothic3 » Mo 20.Mär 2006, 2:18

Mir ging es genau so. Ich habe mit Tablatur angefangen und habe auch so 2 JAhre davon gelesen. Es ist ja auch wesentlich leichter als NOten zulsen, aber das Problem dabei liegt, dass du den RYtmus nicht ganz klar mitbekommst. Du musst das Lied hörn
AuBedem aktzeptieren sie im Konservatorium nur Ntenleser

Lutz
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Beitrag von Lutz » Do 23.Mär 2006, 14:49

Guten Tag an alle!

Hier noch ein Aspekt: Tabulaturen sind verführerisch. Vor allem, wenn die Tabs unter den Noten stehen, gucke ich natürlich auf die Tabs, es ist ja leichter, geht schneller. Aber: Ich habe festgestellt, wenn ich bei einem Stück einmal angefangen haben, nach Tabs zu üben, komme ich davon schlecht wieder runter, ich habe das andere Bild dann im Kopf.

Und wenn ich nach Tabs übe, lerne ich nicht mein Griffbrett. Beim Notenlesen übe ich ja automatisch die Notennamen auf den Höheren Lagen - während ich beim Tab-Lesen eher das Griffbild sehe.
Das finde ich aber wichtig, die Töne in den hohen Lagen mit Namen identifizieren zu können - z.B. beim freien Spielen, Improvisieren und sowieso.

Also bemühe ich mich, eher nach den Noten zu üben, auch wenn's länger dauert - denn ich kann nur Noten lesen, nicht vom Blatt spielen, eher buchstabieren...

Übrigens bin ich neu im Forum (und in der Klassik). Finde das sehr gut hier, sehr lebendig, und lese gerne mit.
Grüße!

Lutz

Bernhard
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Beitrag von Bernhard » Do 23.Mär 2006, 21:33

...so isses, Lutz!

Mein Problem beim Notenlesen ist sicher auch, die hohen Lagen zu definieren.
Auch mit Mehrklängen hab ich so meine Kämpfe auszutragen. Was mich dann noch vollends aus dem Konzept bringt, sind ständige Vor-und Versetzungszeichen in der Partitur. (war auch der Grund, warum ich Fernando's 'little song' dann doch in die Tabulatur übertragen habe) :oops:

Es ist halt doof, wenn man spieltechnisch nicht das spielen kann, was einem liegt, weil man die Noten nicht richtig kann.

vG Bernhard

zorolowski
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Beitrag von zorolowski » Do 23.Mär 2006, 22:20

Hallo Bernhard,

ich spiele seit mehr als 30 Jahre nach Noten. Aber ehrlich gesagt, wenn in den hohen Lagen mehrstimmige Akkorde vorkommen, muß ich manchmal auch erst mal meine Finger sortieren.

Ich hab ja seit Anschaffung der Laute auch viel mit Tabulaturen zu tun. Die ersten Wochen waren doch recht hart zur Gewöhnung. Ursprünglich wollte ich Laute nach Tabulatur und Gitarre nach Noten spielen. Mittlerweile spiel ich sowohl Gitarre als auch Laute nach Noten oder Tabulatur. Alles eine Frage der Gewohnheit.

Gruß
Zorolowski