Tempo

Musiktheorie, Notenkunde ... Sachkunde für Amateurgitarristen
aläx
Beiträge: 79
Registriert: So 15.Jan 2006, 21:11
Wohnort: Lindau

Tempo

Beitrag von aläx » Di 24.Jan 2006, 22:42

hallo

ich weiss, dass das schon ein bisschen langweilt.
Nichts desto trotz möchte ich eine Thread in Sachen Geschwindigkeit anstossen.
Ich habe festgestellt, dass gerade die Gitarristen immer dieses Thema ausklammern genau hier Defizite haben.

Seht ihr das genauso?

tschau Aläx

Gustaw
Beiträge: 493
Registriert: Fr 22.Jul 2005, 21:30
Wohnort: München

Beitrag von Gustaw » Di 24.Jan 2006, 22:52

Hallo Aläx,

ich meine, eine reine Tempo-Diskussion reduziert die Betrachtung von Spieltechnik bzw. gitarristisches Können auf einen einzelnen Aspekt, wie es z.B. auch Anschlag und Grifftechnik darstellen. Und dies sind allesamt nur die handwerklichen Aspekte, darüber stehen dann die künstlerischen bzw. interpretatorischen.
Natürlich sind virtuose Spielvorträge immer dann besonders spektakulär, wenn das Tempo hoch ist. Trotzdem meine ich, jeder Interpret wählt das für sich angemessene Tempo für sein Stück, was nicht heißen muss, gerade hier lägen Defizite. Ich finde Technikdefizite, die den Klang beeinflussen, 'schlimmer' als die reine Tempobetrachtung.

Meint Gustaw.

zorolowski
Beiträge: 204
Registriert: Mi 12.Okt 2005, 22:03
Wohnort: Heiligenhaus

Beitrag von zorolowski » Di 24.Jan 2006, 23:22

Hallo Aläx,

ein Grund, dass es Tempoprobleme bei vielen Gitarristen gibt, liegt vielleicht auch daran, dass ein grosser Teil der Stücke für klassische Gitarre aus Transkriptionen besteht. Gegenüber einigen Instrumenten hat die Gitarre vom Tempo her das Nachsehen, z. B. Violine und Klavier. Da schaffen es dann nur noch einige Virtuosen die Stücke im angemessenem Tempo zu spielen.

Gruß
Zorolowski

larypeter
Beiträge: 45
Registriert: Di 30.Aug 2005, 19:27
Wohnort: Ruhrgebiet

Beitrag von larypeter » Di 24.Jan 2006, 23:50

Hallo aläx,


ich finde gut, wenn ein Stück einen gewissen "Drive" hat, das bedeutet, das es nach vorne geht und nicht nachhinkt. Das heißt aber nicht, das es besonders schnell gespielt werden muß oder sollte. Wenn jemand ein Stück krampfhaft "durchprügelt" und dabei immer grausiger klingt und dabei sowohl das "Timing" und den "Groove" als auch die Klangqualität verloren geht, finde ich das als Zuhörer oftmals sehr ätzend.

larypeter

cornwallfan
Beiträge: 316
Registriert: So 09.Okt 2005, 0:31
Wohnort: 42781 Haan /Rhld.

Re: Tempo

Beitrag von cornwallfan » Mi 25.Jan 2006, 0:18

aläx hat geschrieben: Ich habe festgestellt, dass gerade die Gitarristen immer dieses Thema ausklammern genau hier Defizite haben.
Hi Aläx,

ich muß leider gestehen, dass sich mir der Sinn deiner Frage nicht erschließt.
Hinsichtlich der Gepflogenheiten bei Klassikgitarristen kann ich mir da auch kein Urteil anmaßen, da reicht meine Ahnung nicht aus, weil ich mich erst seit sehr kurzer Zeit wieder mit diesem Thema beschäftige. :cry:
Eines kann ich jedoch aus meiner langjährigen Erfahrung als Stromgitarrist sagen: die richtig Guten konnten alle auch schnell spielen, wenns paßte.
Aber es gab auch diejenigen, die nur schnell spielen konnten, aber niemals gut.
Soll heißen: ich glaube, dass das Thema Schnelligkeit nicht übermäßig von denen angesprochen wird, die es im Rahmen einer stimmigen Gesamtinterpretation beherrschen.
Diejenigen, die es nicht beherrschen, werden es andererseits auch nicht übermäßig ausklammern, gerade weil sie aufgrund der Defezite andere mit gleichen Problemen suchen. Der Mensch ist halt nicht gern alleine... :roll:
Eines ist allerdings weiter oben schon erwähnt worden. Angemessene Geschwindigkeit ( nicht Schnelligkeit) ist ein wichtiger Faktor bei einem gelungenen Vortrag. Aber eben auch nur einer von vielen....

Überbewerten wird er´s nicht,
der Cornwallfan

aläx
Beiträge: 79
Registriert: So 15.Jan 2006, 21:11
Wohnort: Lindau

Beitrag von aläx » Mi 25.Jan 2006, 17:28

Hallo Cornwallfan

Einen tieferen Sinn in meiner Frage zu erkennen führt wahrscheinlich zu keinem Ergebnis.
Was ich eigentlich ausdrücken wollte, ist dass ich eben des öfteren die Feststellung gemacht habe, dass sich Gitarristen gewaltig überschätzen und Stücke in Angriff nehmen die einfach zu schwer sind. Wenn es sich dann um ein Stück handelt, dass auch von einem zügigen Vortrag lebt und man kritisiert dann den Interpreten habe zumindest ich schon ab und zumal Antworten bekommen mit gewissen Kommentaren ala, ich bin doch kein Rennfahrer oder ich (der Kritiker) sehe wohl das Gitarrenspiel als Leistungssport und Musikalität ist mir fremd.
Wenn ich dann die entsprechenden Herrschaften darauf hingewiesen habe, dass z.B. ein Allegro Solemne von Barrios eben nicht Andante gespielt werden sollte heißt es eben dass ich nichts davon verstehe.
Wenn man dann allerdings den Meister mal auffordert das Stück ein wenig schneller zu spielen dann wird schnell klar, dass er es aus technischen Gründen nicht kann.
Aber irgendwie können manche Leute nicht zugeben, dass sie technisch limitiert sind.
Ich habe mal ein Interview mit Al di Meola gelesen in dem er sinngemäß gesagt hat, dass genau die Leute die sich über technisch gute Gitarristen aufregen eben genau die Technik nicht haben.
Ich kann dir mal ein kleines Beispiel geben wo ich selbst zugegen war.
Als in Köln damals (1980 glaube ich) die Stelle des Gitarrenprofessors ausgeschrieben war ist erstmals Elliot Fisk erschienen.
Der war eigentlich auf keiner Rechnung und hat damals fantastisch (vor allem spektakulär wie man es noch nie in Deutschland gehört hat) gespielt. Man konnte nicht mehr an ihm vorbei.
In der Pause habe ich mit dem ein oder anderen Großmeister darüber gesprochen und anstatt dass man diese tolle Leistung anerkannt hätte war der überwiegende Tenor "der wäre gut für den Zirkus" "das ist doch reine Akrobatik" usw.
Ich sags mal so; reiner Neid
Wir wissen ja inzwischen was Elliot so erreicht hat

Ich hoffe du verstehst mich nicht falsch.
Ich bin beileibe kein Geschwindigkeitsfanatiker aber habe eben schon festgestellt, dass gerade bei klassischen Gitarristen dieses Thema die Geister scheidet.
Wenn ich ein Allegro nicht Allegro spielen kann dann gehts halt nicht bzw. muss ich einfach noch üben.
Wenn man aber dann das Allegro Andante spielt und dann sich darauf beruft dass das viel musikalischer klingt??

na ja

tschau Aläx

lautenist
Beiträge: 252
Registriert: Mo 14.Nov 2005, 17:39
Wohnort: CH-Aadorf

Beitrag von lautenist » Mi 25.Jan 2006, 20:16

Hi Aläx,

ich gebe Dir in sofern recht, dass ein gewisses Grundtempo schon da sein sollte und auch das Feeling passen muss.

Was Elliot Fisk anbetrifft so ist er einer der ganz wenigen Ausnahmespieler, die sowohl (für die Gitarre) extreme Tempi spielen können als auch noch eine gewisse Musikalität rüberbringen. Die von Dir empfohlenen Paganini-Capriccien habe ich durch Zufall vor ein paar Tagen angehört und muss sagen: MIR gefällt das nicht. Da sind zwar Anflüge von Interpretation und Anpassung an die klanglichen Gegebenheiten der Gitarre erkennbar, aber was vor allem durchscheint ist die "Zirkusnummer". Diese Artistik mag den ein oder anderen beeindrucken, aber ich finde sie nicht erstrebenswert (und frage mich, welches ästethische Konzept dahinter stehen mag - oder platt ausgedrückt "was soll an solch einer Interpretation schön sein"?).

Aber wir bewegen uns hier in einem Bereich (bei der Beurteilung von solchen Leuten wie Fisk), wo ich sagen muss, dass es reine Geschmacksache ist.
Als objektive Beobachtung Deinerseits nehme ich, dass ein Stück in einem angemessenen Temporahmen gespielt werden sollte sowie, dass sich viele Gitarristen überschätzen und Stücke auswählen, die zu schwer für sie sind.
Beides deckt sich mit meiner Beobachtung und das kann man, glaube ich so stehen lassen.

Beste Grüsse vom
Lautenisten

Joachim
Beiträge: 68
Registriert: Mo 19.Dez 2005, 0:15
Wohnort: Berlin

Beitrag von Joachim » Mi 25.Jan 2006, 20:34

Hallo Aläx,

das Interview mit Al di Meola kenne ich ,wenn ich mich nicht irre stand es in der Akustik Gitarre.
Meine Meinung dazu ist, dass ein wirklicher Meister/in (und nur über die will ich jetzt reden, natürlich soll jeder Amateur die Stücke so spielen wie es ihm beliebt) technisch über den Dingen stehen sollte, dass heisst eben auch, in der Lage zu sein, ein Stück so schnell zu spielen wie nötig und nicht aufgrund limitierter Technik ein langsames Spiel als künstlerisch wertvoll zu verkaufen. Allerdings habe ich diesbezüglich noch nie Erfahreungen gemacht in der Art, dass ein Meistergitarrist hier offenkundlich versagt hätte, dazu stecke ich in der Szene nicht genügend drin.
Gruss
Joachim

aläx
Beiträge: 79
Registriert: So 15.Jan 2006, 21:11
Wohnort: Lindau

Beitrag von aläx » Mi 25.Jan 2006, 20:43

Dankeschön Lautenist

Du hast es perfekt erkannt.

Es geht mir genau darum, dass ein angemessener Temporahmen da ist und eben, dass einige sich total überschätzen.
Das nehme ich niemand übel solange er als Amateur tätig ist aber ich habe eben auch schon erlebt, dass Leute die "professionell" Gitarrenuntericht geben den Schülern viel Geld aus der Tasche ziehen und damit den Leuten die professionell und ehrlich arbeiten einen schlechten Ruf verschaffen.

Ich habe die Aufnahme (Paganini) von Elliot nicht als besonders gut aber als interessant empfunden.
Elliot hat mal gesagt "man muss mich nicht gut finden aber interessant" und das ist er allemal.
Ich denke auch, dass Fisk nicht das Ende der Fahnenstange war denn da gab es auch noch Yamashita der das getoppt hat.
Ich war in einem Konzert von Kazuhita Yamashita und ich kann sagen, dass bis heute keinen Gitarristen gehört habe der auch nur annähernd an diese Leistung rangekommen wäre.
Geschmacksache

Das wichtigste war, dass ich das Konzert genossen habe denn der Mann hat eben auch Musik gemacht.

P.S. ich hatte mal einen Lehrgang bei Fisk und da er immer bei mir im Auto mitgefahren ist hat er doch den ein oder anderen Kommentar zu meiner Musik die ich abgespielt habe abgegeben.

Friday Night kannte er nicht und war ziemlich erschüttert wegen Pacos Spiel. Das hat ihm richtig gut gefallen.

Yngwie Malmsteen hat ihn verblüfft. "Kommentar: das ist zu schnell für mich.

Man sieht also , jeder hat seine Grenzen


tschau Aläx

Tobias
Beiträge: 69
Registriert: Sa 07.Jan 2006, 19:11
Wohnort: Neckarsulm

Beitrag von Tobias » Mi 25.Jan 2006, 23:04

Hallo Aläx,

es gibt in einer großen deutschen Stadt eine Abonnement-Veranstaltung nur für die Gitarre. Da ich ein solches Abonnement für einige Jahre besaß, möchte ich behaupten, den Unterschied zwischen den ein und dem anderen Gitarristen zu hören. Und ich bin der Meinung, manche werden - warum auch immer - sehr hoch gespielt.
Bei einer Vorstellung war ich vom Ton des Gitarristen (Eduardo Isaac) extrem begeistert. Er konnte auch die Rossiniana Nr. 4 op. 122 von Mauro Giuliani (sie beinhaltet unter anderem das bekannte "Figaro hier, Figaro da" aus dem Barbier von Sevilla) schnell spielen. Die lapidare Antwort meines Sitznachbarn (auch Abonnent, Gitarrenlehrer): der gute Ton liegt an der Gitarre... Wer kennt schon E. Isaac!? Ob er das auch gesagt hätte, wenn ein Eliot Fisk vorne gesessen hätte???

Ich kann Deine Begeisterung für Kazuhito Yamashita übrigens nicht teilen. Sein Vortrag klingt manchmal zu hektisch und hervorgehobene Töne zu übertrieben.

Es gibt eine Villa-Lobos-Einspielung des tschechischen Gitarristen Lubomír Brabec. Darauf sind sämtliche Etüden und Preludes zu hören. Schön schnell. Die Stücke fliegen dahin, wie ein Linienflugzeug, keine Höhen, keine Tiefen.

Dennoch gibt es ein Kriterium, daß sämtliche Berufsgitarristen - trotz mangels an Tempo oder Interpretationsgeschick - ihre Prüfung bestehen läßt. Und daß der eine oder die andere besser ist, ist wie die Miss-Wahl, das entscheidet nicht der Geschmack des einzelnen sondern eine Gruppe auserwählter.

Was sonst das Thema Tempo betrifft muß ich Zorolowski zustimmen. Irgendwann sind die physischen Gegebenheiten der linken oder rechten Hand bei der Gitarre erschöpft.
Gruß Tobias
Gitarre: Paulino Bernabe - Estudio E-6
Die Sprache der Musik kennt keine Grenzen.