Spielen wie die Profis oder lieber selber Interpretieren?

Greifen, Anschlag, Haltung und Methoden ... das Klassenzimmer sozusagen
larypeter
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Spielen wie die Profis oder lieber selber Interpretieren?

Beitrag von larypeter » Fr 03.Mär 2006, 1:18

Hallo an alle,


ich habe hier mal eine etwas provokante Frage an euch:

Spielt Ihr lieber eure eigene Interpretation oder haltet Ihr euch auch schon mal gerne an eine meisterliche (in euren Augen) Interpretation, die Ihr versucht so gut wie es gerade geht nachzueifern. Ich habe auch oftmals den Eindruck, das ein Stück auch noch ganz anders klingen könnte, als die mir bekannten Interpretationen, und möchte garnicht rumlästern, aber im Inneren höre ich ein Stück ganz anders, ob es realisierbar ist oder nicht.

fragt larypeter

lautenist
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Re: Spielen wie die Profis oder lieber selber Interpretieren

Beitrag von lautenist » Fr 03.Mär 2006, 10:58

Hi,

als ich für meinen Teil werde mit Sicherheit auch von anderen beeinflusst, aber ich ziehe es vor, mir meinen eigenen Gedanken zu machen. Die Spielweise von jemand anderem zu kopieren nimmt der Klimperei seinen "künstlerischen" Reiz, finde ich. Dann ist man ja nur noch Handwerker, oder?

meint der Lautenist

simon82
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Beitrag von simon82 » Fr 03.Mär 2006, 11:30

Hallo Larypeter,

oft hält man sich ja schon allein unbewusst an Interpretationen die man als Einspielung schon mal gehört hat.
Ich kenn das von mir selbst, das man die Interpretation, die man als erstes von einem Stück gehört hat (und die sich wahrscheinlich intensiver einprägt), als Massstab nimmt und andere danach beurteilt, was natürlich nicht ganz objektiv ist.
Auch ich höre/spiele vieles anders als die Meister, besonders was Bindungen, Akzentuierung,Tempo und Agogik angeht. Manches entlarvt sich als schlechte Marrotte von mir, wenn man sich tiefgehender damit beschäftigt.

Es gibt allerdings meiner Meinung eine ganze Menge "meisterlicher" Interpretationen, die zwar technisch (über-)perfekt sind die aber stilististisch und überhaupt musikalisch Müll sind.

Solange man nicht aufgrund handfester Fakten widerlegt wird, was interpretatorische Eigenheiten angeht sollte man dabei bleiben und nicht etwas spielen wobei man nicht 100%ig dahinter steht.

Und natürlich gibt es auch die reizvolle Beispiele "falscher" Interpretationen (Segovia,Bream) die ich zwar nicht 1:1 übernehmen würde, die aber die Gitarrenmusik insgesamt bereichern.
Gibts nicht geht nicht

es335
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Beitrag von es335 » Fr 03.Mär 2006, 14:28

Hallo Larypeter,

als eher schwacher Notenleser braucht es bei mir meist mehrere Durchgänge, bis die Musik eines Stückes zu mir spricht. Aber in der Regel kann ich mich darauf verlassen, daß sich dann in Folge auch sehr bald ein Ausdruck einstellt, der vom Mainstream (meist!) nicht vollkommen abweicht.

Schwer ist es für mich, wenn ich ein Stück bereits gehört habe, diesen Einfluß abzustellen, insbesondere, wenn mir die Profivorlage auch noch sehr gefällt.

In seltenen Fällen, hole ich mir in Ermangelung eines Lehrers (dieses Forum kenne ich ja erst seid kurzem!) schon mal Anleihen bei den Profis und habe da schon erstaunliche Überraschungen dergestalt erlebt, daß ich bei MIR (!) indifferente Stücke dadurch gänzlich anders erfahren und sogar schätzen gelernt habe.

Zudem finde ich es sehr interessant und reizvoll, Stücke in sehr unterschiedlichen persönlichen Interpretationen wahrzunehmen, wie es hier in der MP3-Sektion z.B. der Fall. Das hilft ein wenig, die eigene Auffassung zu relativieren und schützt ein wenig davor, zu engstirnig zu werden :wink: !


Gruß es335
Sakurai-Kohno PR-JS
Alhambra 10c

zorolowski
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Beitrag von zorolowski » Fr 03.Mär 2006, 17:11

Hallo Larypeter,

ich bin sicher auch nicht frei vom Einfluß der Profis. Es kommt ja auch oft vor, dass man ein Stück deswegen einübt, weil man das Stück auf CD oder Platte so gut fand. Ich versuche allerdings nie, irgendjemanden nachzueifern. Während des Einübens finde ich eigentlich immer meinen eigenen Stil.
Ich spiele auch sehr oft Stücke, die ich vorher noch nie gehört habe. Es ist reizvoll, diese Stücke danach von jemandem anderen zu hören.

Gruß
Zorolowski

Anna Nyma
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Re: Spielen wie die Profis oder lieber selber Interpretieren

Beitrag von Anna Nyma » Sa 04.Mär 2006, 11:33

larypeter hat geschrieben:Spielt Ihr lieber eure eigene Interpretation oder haltet Ihr euch auch schon mal gerne an eine meisterliche (in euren Augen) Interpretation, die Ihr versucht so gut wie es gerade geht nachzueifern.I
Hallo, larypeter,
gleich in der Titelzeile Deiner Vorstellung hast Du Dein Selbstverständnis formuliert: Du bist Gitarrist, aber in erster Linie Musiker. Ich meine, dass man Deine Frage nur dann stellen und Teil 1 positiv beantworten kann, wenn man den Schritt vom Laiengitarristen –wie ich es bin- zum echten Musiker geschafft hat. Die Antwort darauf trennt m. E. die Gitarristen deutlicher voneinander als die auf die Frage nach der Stilrichtung. Denn es bedarf wohl einiger Fähigkeiten, eine „So!- sollte- es- klingen- Sicherheit“ aus sich selbst heraus zu entwickeln.
  • - Ein Notenblatt in die Hand nehmen, lesend hören, dabei Klangvorstellungen entwickeln und umsetzen- wie viele von uns können das?
    - Den Spielraum dafür ermöglicht ja auch erst ein bestimmtes Level technischer Fähigkeiten am Instrument. Es ist für mich durchaus ein üblicher und legitimer Weg, dass man zunächst Vorbildern folgt, bevor man das Selbstbewusstsein ausbilden kann sich zu lösen, um einen eigenen Stil zu formen.
    - Hörerfahrungen prägen: je mehr verschiedene Interpretationen man gehört hat, um so eher kann man bestimmen, was man ablehnt oder selbst in ähnlicher Weise versuchen würde. (>> Glenn Gould, >>Pablo Casals?)
    - Wissen um den Komponisten, die Art des Musizierens in der Entstehungszeit des Stückes, den (musik-)historischen Kontext ist vermutlich auch nicht hinderlich. Oder doch schon Einengung? :wink:
    - Und einen unnennbaren Teil (Talent?) kann man sich wahrscheinlich auch nicht mit noch so viel Fleiß und Mühe aneignen- ein bisschen muss da wohl auch angelegt sein: nicht jeder ist in der Lage, Empfindungen, Sinneseindrücke, die Summe seiner Erfahrungen in (innere) Musik zu verwandeln, einem Stück auf ganz individuelle Weise mitzugeben. Ich würde mich nicht wundern, wenn Du Celan- Gedichte oder Schumacher- Bilder HÖREN kannst.
So, wie es auch es335 gelegentlich ergangen ist, hat sich bei mir in der Regel nach dem ersten Hören einer meistergitarristischen Interpretation eines schon länger geübten Stückes oft das Bedürfnis nach Korrektur in ebenjene Richtung eingestellt…
Zum anderen entscheide ich oft erst nach dem Hören, ob ich etwas spielen möchte- und bin dann dadurch natürlich schon davon beeinflusst.

Zusammenfassende Antwort: erstrebenswertes Ziel in unendlich weiter Ferne….
Ich würde mich unheimlich über ein Beispiel einer Deiner unkonventionell- abweichlerischen Interpretationen freuen :mp3svp: - ebenso provokativ, wie Du Deine Frage gemeint hast!
Viele Grüße von Anna

Übrigens, larypeter: tolle Homepage! Auch dort: :okok: BWV 999 :okok:

Gustaw
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Beitrag von Gustaw » So 05.Mär 2006, 10:35

Hallo Larypeter,

da ich ja immer etappenweise Unterricht nehme, habe ich zwischendurch immer genug Zeit, mir neue Stücke auszusuchen und sie erst mal technisch einzupauken. Sozusagen das Handwerkliche.
Wenn es dann soweit ist, das Stück herauszuarbeiten, wird hier erst mal kräftig umgebaut, denn oft hört man die interpretatorischen Möglichkeiten erst, wenn man das Stück selber spielt bzw. es oft genug spielt. Manche professionellen Aufnahmen anderer können auch dazu führen, es so genau nicht zu machen. Der vorher erwähnte 'Umbau' ist meist die Verfeinerung von Anschlag und Fingersatz hinsichtlich der eigenen klanglichchen Vorstellung und der technischen Möglichkeiten.
Am Ende steht dann - hoffentlich - immer die eigene Interpretation. Drum mach'mas doch, oder?

Gustaw

tcm
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Beitrag von tcm » So 05.Mär 2006, 22:52

Unbedingt eigene Interpretation spilen. Erst den Notentext und die Interpretation ausarbeiten und sich dann die existierenden Aufnahmen als zusätzliche Stütze anhören.

Vincent
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Beitrag von Vincent » Mo 06.Mär 2006, 13:23

Hallo zusammen,
ich möchte Anna Nyma unbedingt zustimmen - vor allem auch, weil das Problem Laie/Profi wirklich eine große Rolle spielt. Es beginnt ja schon bei der Auswahl der Stücke, die ich spielen will: ich nehme die Gitarre zur Hand, weil ich ein Stück gehört habe, was mir gefällt, oder weil die Interpretation mir gefällt. Oder auch nicht.
Bei unbekannten Stücken muß ich zwangsläufig eigene Klangvorstellungen entwicklen, immerhin habe ich Komponist, Zeit, Stilrichtung, etc. als Anhaltspunkte. Am Ende versuche ich doch, meine Interpretation Hörbeispielen gegenüberzustellen. Ein "Kopieren" verbietet sich ja oft auch schon aufgrund der technischen Fertigkeiten.
Ich bin kein Freund davon, unbedingt alles anders machen zu wollen und zu entfremden. Klar kann man es versuchen - aber dazu muß man schon "gestandener" Musiker sein. Bin ich nicht.
Grüße
Vincent

Eduard
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!!!

Beitrag von Eduard » Do 09.Mär 2006, 12:46

das, was ich gut finde spiele ich meistens nach, oft habe ich aber auch meine interpretation. das setzt sich dann zusammen! :wink:
+++!Hauptsache der Metronom tickt weiter!+++

Cw;icw!

sebastian
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Beitrag von sebastian » Di 14.Mär 2006, 0:09

Als Fast-Anfänger kann muss ich sagen, dass mir Interpretationen von anderen oft schon eine Hilfe waren, eigene Gedanken zu einem Stück zu finden. Das Orientieren an Vorbildern ist für mich eine Etappe auf dem Weg, eigene Sichtweisen zu entwickeln.