Lektion: Recuerdos de la Alhambra

Greifen, Anschlag, Haltung und Methoden ... das Klassenzimmer sozusagen
mark
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Lektion: Recuerdos de la Alhambra

Beitrag von mark » Fr 04.Nov 2005, 14:02

Hallo!
Ich habe eine kleine Lektion über Recuerdos de la Alhambra von Tarrega und der Technik des Tremolo geschrieben. Ich hoffe, dass sie dem Einen oder Anderen unter euch gefallen wird! Da es noch keine eigenständige Rubrik für Lektionen im deutschen Forum gibt, stelle ich sie mal hierhin.
LG

Mark

Lektion
Francisco Tarrega: Recuerdos de la Alhambra oder das Abenteuer Tremolo

Tremolo ist schwierig zu lernen, und es bedarf sehr viel Arbeit, Fleiß und vor allem Zeit, um diese Technik zufrieden stellend zu entwickeln. Tremolo kommt übrigens relativ selten in der Literatur für klassische Gitarre vor. Allerdings ist eines der großartigsten Stücke für die Gitarre, Recuerdos de la Alhambra von Tarrega eine Studie dieser Technik, und ich glaube, dass der Wunsch vieler Gitarristen, die Technik des Tremolos zu erlernen, seine Wurzeln in diesem Stück hat.
Das Wort „Studie“ kann man im Falle von Recuerdos de la Alhambra ruhig wörtlich verstehen: es kommt wohl eher selten vor, dass ein Gitarrist zuerst das Tremolo lernt und dann sich an Recuerdos versucht. Viel häufiger kommt es vor, dass man die Technik mit dem Studium dieser Komposition entwickelt. Dieser Prozess nimmt oft mehrere Monate in Anspruch (viele Flamenco-Gitarristen meinen sogar, dass man ein perfektes Tremolo nur mit Jahren von Übung erarbeiten kann). Ich muss leider betonen, dass es sich bei Recuerdos nicht um ein Stück für Anfänger oder Fortgeschrittene handelt. Man sollte technisch recht versiert und erfahren sein, bevor man sich an diesem Juwel der Gitarrenliteratur versucht, da neben der rechten häufig auch die linke Hand vor sehr anspruchsvolle Aufgaben gestellt wird.

Kommen wir aber zum Eingemachten! Das Prinzip und der Ablauf des Tremolos sind einfach:

1. Man schlägt einen Basston mit dem Daumen an, meist auf einer von den drei tieferen Saiten
2. Man schlägt einen höheren Ton mit Finger a an, meistens auf einer der zwei höchsten Saiten
3. Man schlägt denselben Ton mit m an
4. Schließlich schlägt man den Ton zum dritten Mal an, diesmal mit i

Gar nicht so kompliziert, hmmm?? :wink: Jetzt kommt der etwas schwierigere Teil: man muss diese Bewegung sehr schnell und häufig über mehrere Minuten ohne Pause verrichten können. Die meisten Gitarristen spielen Recuerdos mit einem Tempo von etwa 140 bpm. Das bedeutet, dass die Finger der rechten Hand in der Minute insgesamt 560 Töne anschlagen müssen!! :twisted:

Was auf dem ersten Blick unmöglich erscheint, ist in Wirklichkeit nur eine Frage der Zeit und vor allem Übung. Meiner Meinung nach ist es nicht möglich, Tremolo ohne die Hilfe eines Metronoms zu erlernen. Man sollte sehr langsam anfangen. SEHR langsam! Ein Tempo von 40 bpm ist angemessen. Man sollte sich darauf konzentrieren, alle vier Töne gleichmäßig anzuschlagen, da sonst ein galoppierender und unschöner Klang entsteht. Man sollte die ersten Tage oder Wochen das Tempo kaum oder überhaupt nicht steigern: die Präzision beim Tremolo kommt nicht von hektischem Gewirbel mit den Fingern, sondern von viel langsamer Übung (ein ungleichmäßiges Tremolo ist übrigens ein Kardinalfehler, der den Gitaristen schnell als Dilettanten entlarvt).

Sobald man die Bewegung beherrscht und die Notenfolge des Stückes kennt, kann man das Tempo LANGSAM steigern, bis man eine Geschwindigkeit von etwa 100 bpm erreicht, mit der man das Tremolo locker und gleichmäßig spielen kann. Jetzt ist es nur noch eine Übungssache, bis man die amtliche Geschwindigkeit erreicht hat. Ich persönlich habe Recuerdos übrigens besonders gerne als Aufwärmübung benutzt, also am Anfang jeder Übungszeit das Stück einmal sehr langsam, ein- bis zweimal in moderatem Tempo und schließlich zweimal schneller durchgespielt (insgesamt nimmt dies etwa 30 Minuten in Anspruch, also kann man das Tremolo so ohne Schwierigkeiten in die Übungszeit integrieren.


Zum Abschluss noch einige Tipps zur Übung von Recuerdos:

- Besonders in den ersten Wochen führt die Übung des Tremolos häufig zu Verspannungen in den Händen und Unterarmen. Man sollte deshalb bewusst darauf achten, locker zu bleiben und eine Perfekte Körperhaltung zu bewahren.
- Recuerdos ist ein wunderschönes Stück, also wäre es eine Sünde, die Noten einfach nur mechanisch nachzuspielen. Ruhig mit den Dynamiken und später, wenn man die Technik perfekt beherrscht, auch mit dem Tempo etwas freier umgehen (Pepe Romero spielt z. B. den mittleren Teil weitaus leiser und langsamer als den Anfang und das Ende).
- Die meisten der großen Gitarristen haben mindestens eine Aufnahme von Recuerdos eingespielt. Segovia, Williams, Bream, Romero und Yepes sind nur Einige, die man sich unbedingt anhören sollte.
- Bei aller Konzentration aus das Tremolo die linke Hand bitte nicht vernachlässigen. Auch sie wird gefordert.
- Bitte nicht vergessen, dass Zeit und Ausdauer einfach das wichtigste sind. KEINER kann Tremolo in nur einigen Tagen oder Wochen perfekt lernen.

Zum Abschluss kann ich nur sagen: es ist ein wunderbaren Gefühl, wenn man Tarregas bekanntestes und neben dem Capricho Arabe wohl auch großartigstes Stück spielen kann. Besonders, wenn man weiß, wie viel Arbeit es gekostet hat!

Gustaw
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Beitrag von Gustaw » Fr 04.Nov 2005, 14:20

Vielen Dank Mark,
du hast es perfekt erklärt. Jetzt fehlt nur noch ... :mp3svp:

:wink: Gruß, gustaw

mark
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Beitrag von mark » Fr 04.Nov 2005, 14:34

Hallo Gustaw!
Danke. Habe mir schon vorgenommen, einige MP3 zu schicken, da ich auch meine neue Gitarre vorstellen möchte :D
Mark

cornwallfan
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Beitrag von cornwallfan » Sa 05.Nov 2005, 18:36

Hallo Mark,

auch von mir ein Dankeschön für diese ausführliche Erklärung. Seit einigen Wochen widme ich mich als Wiedereinsteiger auch wieder dem Thema Tremolo, und bin froh, keine großen Fehler in meine Übungen eingebaut zu haben 8)
Als Jugendlicher habe ich mir mal eine Art "Tremolo" auf Wechselschlagbasis (p-i-m-i-p-m-i-m etc.) beigebracht... ist schwierig, sich das wieder abzugewöhnen, wenn man sich einmal was falsches draufgeschafft hat :shock:
Aber jetzt bin ich guter Dinge, dass es diemal richtig klappt, - im Alter bin ich anscheinend geduldiger mit mir :sage:

Übrigens: mir gefällt Recuerdos vom Kompositorischen her nicht so toll (jetzt bitte nicht steinigen...) und ich übe Tremolo daher momentan am liebsten mit Barrios´wunderbarem "Una Limosna Por el Armor de Dios". Das ist für Wiederanfänger wie mich recht empfehlenswert (naja sagen wir mal die ersten 40 Takte) weil das Tremolo meistens auf der ersten Saite ausgeführt wird. (Hörtipp hierzu: J. Williams aus "The Great Paraguayan")
Viele Grüße aus Haan,
Andreas

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Gitarren: Yamaha GC-31 C u. Ariana 6512

mark
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Beitrag von mark » Sa 05.Nov 2005, 20:05

Hallo Cornwallfan!
Ich bin kein Steiniger ("selbst WENN jemand Jehova sagt", würde der Hohepriester aus "Das Leben des Brian" jetzt sagen... :twisted: )Recuerdos ist sicher nicht jedermanns Sache. Ich persönlich mag Augustin Barrios nicht. Wenn Du allerdings una Limosna magst, solltest Du versuchen, Dir das wunderbare Video von Cecile auf dem französischen Forum anzuschauen. Es lohnt sich!
Weitere sehr schöne Tremolo-Stücke sind "Sueno" von Tarrega (vielleich gefällt Dir ja diese Komposition), sowie vor allen Campanas del Alba" von Sainz de la Maza (leider noch nicht frei von Schutzrechten, also nicht auf dem Forum zu finden). Kennst Du vielleicht noch andere Stücke?
Deine Tremolo-Technik kommt mir ein wenig unorthodox vor, kann aber durchaus interessant sein. Viele Flamenco-Gitarristen benutzen die abgefahrensten Patterns, um ihre Geschwindigkeit noch zu steigern (z. b. p i a m i). P i m a kommt auch häufig vor.
LG
Mark

coolman
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Beitrag von coolman » Sa 05.Nov 2005, 20:21

Hallo!

Mir fallen gerade auch noch 2 Sachen zum Thema Tremolo ein:

Yepes hat glaube ich immer pa mim pa mim gespielt damit das ganze gleichmäßiger klingt. Hat allerdings den Nachteil, das der Mittelfinger mit der doppelten Frequenz bewegt werden muß!

Außerdem gibt es ein schönes Stück von Paganini "piece entime" welches auch Tremolo-Pasagen drin hat (abgesehen von den anderen Problemen ;-) )

lg
coolman
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Basti72
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Beitrag von Basti72 » Fr 11.Nov 2005, 16:21

Wow, das hast Du toll erklärt!! Danke!! Werde gleich mit üben anfangen ... Laaaangsam versteht sich ...

Basti

Schnecke
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Re: Lektion: Recuerdos de la Alhambra

Beitrag von Schnecke » Do 22.Dez 2005, 11:53

mark hat geschrieben:Hallo!
.... Die meisten Gitarristen spielen Recuerdos mit einem Tempo von etwa 140 bpm. Das bedeutet, dass die Finger der rechten Hand in der Minute insgesamt 560 Töne anschlagen müssen!! :twisted:
Hallo Mark,
danke für Deine ausführliche Beschreibung. Sehr gut!
Nur ist Dir leider ein Fehler unterlaufen: Das Temp 14o auf einer Viertelnote würde bedeuten, dass man nicht 560, sondern 1120 Töne pro Min. anschlagen müsste, denn die Noten sind ja nicht in 16teln, sondern in Zweiunddreißigsteln notiert! Dies ist auch wichtig, um richtig zu betonen.
Nicht dass nachher einer denkt er müsste tatsächlich 1120 Töne in der Minute anschlagen!

sebastian
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Beitrag von sebastian » Do 22.Dez 2005, 12:35

Wow!

Da muss ich ja als Totalanfänger mich wirklich beeilen, damit ich in den vollen Genuss dieser Diskussionen komme! Ist leider alles noch Zukunftsmusik!

MommeMC
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Beitrag von MommeMC » Do 05.Jan 2006, 20:24

Hallo!
Ich übe jetzt schon eine halbe Ewigkeit an dem Ding herum. Den "Text" hab ich auch soweit im Kopf, nur das Tremolo gefällt mir noch nicht. Vielleicht sollte ich doch nochmal das Tempo etwas drosseln, bevor ich komplett daran verzweifel. (Jaja, die Jugend von heute; hat einfach keine Geduld mehr :wink: ) Wäre echt schade, wenn mir so ein schönes Stück entgeht.

saby
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Beitrag von saby » Mi 01.Feb 2006, 21:38

das stück findet ja echt viel resonanz :kap: :kap:
bei mir funktionierts mit dem tremolo am besten abends so ca ab 21uhr... - vorher sind meine finger nicht genügend locker :roll:
lgs
gitarre: dieter hopf - La Portentosa Nueva zeder

gothic3
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Beitrag von gothic3 » Mo 20.Mär 2006, 0:58

ich spiele una Limosna... und das tremolo wird an manchen Stellen äuBerst schwierig. Z.b. wenn du nis ganz nach unten springen musst. boaa!

Schlotti
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Beitrag von Schlotti » Mo 17.Apr 2006, 20:23

was auch sehr wichtig ist beim Tremoloüben, das das rasguado, also das rausdrücken der Figer. Es hilft sehr viel das mal ne minute oder zwei zu machen(4-Fingerrasguado), dann geht das Tromolo viel leichter!!!!